Kanalsanierung: Dubiose Praktiken

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Kanalsanierer bieten die Inspektion und Sanierung privater Abwasserkanäle an. Ein Millionengeschäft, denn von den vier Millionen Abwasserkanälen in NRW sind viele undicht. Doch wer nicht aufpasst, zahlt viel Geld und hat am Ende immer noch einen kaputten Kanal.

Es war an einem Freitag vor gut zwei Jahren, als Ingeborg Pauly unerwarteten Besuch bekam: "Die haben mir gesagt: Sie haben doch sicher schon in der Zeitung gelesen, dass ab 2015 alle Hauseigentümer nachweisen müssen, dass ihre Abwasserleitung in Ordnung ist. (...) Wir könnten mit der Kamera mal durchfahren und schauen, ob alles in Ordnung ist. Kostet 39 Euro."

Gesagt, getan. Die Monteure untersuchten den Kanal mit der Kamera, fanden Schäden und Verstopfungen. Wenige Tage später rückten die Monteure an und sanierten den Kanal mit Spezialmaterial. Kosten: 11.000 Euro. Im Preis enthalten war ein Servicepass zur Kontrolle des Kanals - alle zwei Jahre. Doch als Ingeborg Pauly die Monteure Anfang dieses Jahres zur ersten Kontrolle bestellte, war sie fassungslos: Sie hätten schon wieder teure Schäden entdeckt, sagt sie. Der sanierte Kanal schon wieder marode? Wie kann das sein?

Wir wollten es genau wissen und beauftragten Olaf Kaufmann. Kaufmann ist vereidigter Sachverständiger. War die Arbeit der Kanalsanierer bei Frau Pauly tatsächlich 11.000 Euro wert?

Nach einer guten Stunde liegt das verheerende Ergebnis vor: "Man sieht hier in der Sole, dass der Liner nicht komplett verklebt ist." Liner sind quasi die Flicken, die die Monteure von innen auf die Löcher im Kanal geklebt haben. 15 solcher Liner hat die Firma laut Rechnung in Frau Paulys Kanal gesetzt. Aber an einer Stelle, so Kaufmann, hat sich der Flicken schon wieder gelöst. Sein Kommentar: "Das darf überhaupt nicht passieren, das darf aber vor allem nach zwei Jahren nicht passieren."

Auf mehreren Metern steht Wasser im Kanal, er ist abgesackt. Kaufmann ist sicher, dass das schon damals so war. Dieser Teil des Kanals hätte komplett ausgetauscht werden müssen, sagt er. Fazit: "Die Arbeiten hier sind mangelhaft, fehlerbehaftet. Sie sind nicht komplett durchgeführt worden, und die Art und Weise der Reparatur mit Kurzlinern entspricht nicht dem Stand der Technik." Statt der vielen kleinen Flicken, so Kaufmann, sei ein langer Schlauch, ein sogenannter Inliner, viel sinnvoller gewesen, beständiger und billiger: "Wenn ich hier einen langen Liner, also einen Inliner einsetze, würde ich hier auf einen Preis von circa 4.000 Euro kommen."

Ingeborg Pauly hat knapp das Dreifache bezahlt - für eine offenbar mangelhafte Kanalsanierung. Die Firma, die Ingeborg Paulys Kanal saniert hat, heißt EMC und hat ihren Sitz in Köln. Ein Kamerainterview lehnt der Geschäftsführer ab. Auf mehreren Seiten, aus denen wir aber ausdrücklich nicht zitieren dürfen, weist EMC die Vorwürfe des Gutachters zurück.

Fehlendes Zertifikat

Ortwechsel: Bei Kurt Schmitz stand Ende September vergangenen Jahres ein Mann der Firma MOHTEC vor der Tür. Das Angebot: Kanaluntersuchung und Sanierung zum Festpreis von 4.000 Euro, zahlbar in bar. Auf dem Angebot stand ausdrücklich "mit Zertificat". Kurt Schmitz ging davon aus, dass damit das Zertifikat gemeint ist, mit dem er bei der Stadt Köln, wie vorgeschrieben, die Dichtheit seines Kanals nachweisen kann. Doch das MOHTEC-Zertifikat kam nicht. Deshalb schickte Schmitz schließlich die Rechnung der Firma per Fax an die Stadtentwässerungsbetriebe Köln. Auf der Rechnung steht schließlich ausdrücklich: "nach Sanierung als dicht befunden". Doch schon nach wenigen Minuten teilten die Stadtentwässerungsbetriebe Kurt Schmitz am Telefon mit: "Das können wir nicht akzeptieren. Diese Firma ist bei uns nicht registriert, sie ist weder bei uns noch beim Land registriert." In Nordrhein-Westfalen darf nur eine gültige Dichtheitsbescheinigung ausstellen, wer auf der Landesliste steht. Von der Firma MOHTEC steht niemand auf der Liste, aber das wusste Kurt Schmitz nicht.

Bei dem Versuch, der Firma MOHTEC einen Besuch abzustatten, stellen wir fest, dass die Adresse aus dem Handelsregister nicht mehr stimmt. Unsere Recherchen ergeben: Die Firma gibt es in Köln gar nicht mehr - und auch nirgendwo anders. Wir erreichen den ehemaligen Geschäftsführer schließlich per Telefon. Da sei wohl was schief gelaufen, wiegelt er ab und verspricht, Kurt Schmitz ein gültiges Zertifikat zu besorgen. Doch darauf wartet der bis heute.

Zurück bei Ingeborg Pauly: Allein der vielversprechende Zehnjahres-Servicepass hat sie 600 Euro gekostet. Das Geld hätte sie sich getrost sparen können, sagt Friedhelm De la Motte. Er hat selbst einen Betrieb und ist im Vorstand des Kanaltechnikverbandes. De la Motte ist überzeugt: "Servicepässe dienen dazu, dass man im wiederholten Fall kostenlos die Fernsehuntersuchung durchführt, um dann immer noch Fehler zu finden, um die Leitung ganzheitlich zu reparieren. (…) Das ist reine Geschäftemacherei."

Ingeborg Pauly muss jetzt noch einmal viel Geld in ihren Kanal stecken, und Kurt Schmitz muss wohl zusätzliches Geld für ein gültiges Dichtheitszertifikat ausgeben. Eines haben beide gelernt: Im Kanal lässt sich viel Geld nutzlos versenken.

 Tipps
  • Vorsicht bei Haustürgeschäften: Lassen Sie sich an der Haustür auf keinen Fall drängen oder unter Druck setzen. Es ist schon vorgekommen, dass Anbieter vorgaben, sie kämen von der Stadt, oder man müsse mit drakonischen Strafen rechnen, wenn die Schäden nicht sofort behoben würden.
  • Verschiedene Angebote einholen: Dafür ist es wichtig, nicht sofort einen Auftrag zur Sanierung zu vergeben, nachdem jemand den Kanal mit der Kamera untersucht hat, sondern sich eine DVD und eine Dokumentation aushändigen zu lassen. Dann erst kann man verschiedene Angebote einholen.
  • Mit Nachbarn zusammenschließen: Je mehr Nachbarn sich beteiligen, desto besser kann man mit den Anbietern über den Preis verhandeln.
  • Firma auf Landesliste suchen: Vor einer Auftragserteilung sollte man bei der Handwerkskammer, der IHK oder der Ingenieurkammer nachfragen, ob die Firma auf der Liste der Sachkundigen steht. Diese Liste ist auch im Internet zu finden (Link siehe unten).